Unternehmensberatung

Warum macht man sich selbständig? Ich wollte, als fachlicher Unternehmensberater, unabhängig tätig sein.
Was wollte ich beraten? Erstmal die Umstellung vom Blei- zum Fotosatz, denn das war in den 1970er-Jahren das aktuellste Thema.
Kann ich mir diesen Schritt leisten? Immerhin begibt man sich aus dem geschützten Beschäftigtenverhältnis in eine ungewisse Freiheit; aber ich war Single und musste in mein Büro nur wenig investieren.
Ich würde von Waldbronn-Busenbach aus reisen, das im Karlsruher Dreieck verkehrsmäßig günstig lag. In wenigen Minuten war ich auf der Autobahn in Richtung Basel, Stuttgart oder Frankfurt.

Am schwierigsten war: Wie mache ich mich selbständig? Nun, ich war durch meine rege und herstellerunabhängige Fachschriftstellerei in der Satzszene, an die ich mich als Berater wenden wollte, einigermaßen bekannt. Das würde mir helfen, genauso wie meine Seminaraktivitäten, die Anfang 1977 in der Schweiz begonnen hatten und sehr erfolgreich verliefen.
Außerdem verschickte ich eine Presseinformation, in der ich meine „Fachberatung Satz“ erklärte.

Hinweis: Hier können Sie einen Satz meiner Originaldokumente herunterladen. Sie ergänzen die Beschreibung meiner Beratertätigkeit.

Welches System ist das optimale?

Mehr Aufwand kosteten eine Versandaktion an Unternehmen, von denen ich meinte, dass sie an meiner Fotosatzberatung Interesse haben könnten (und die ich aus dem „Polygraph-Adressbuch der Druckindustrie“ heraussuchte), und eine Inseratenkampagne in den grafischen Fachzeitschriften „Deutscher Drucker“, „Druckspiegel“, „druckwelt“ und „Offsetpraxis“, in denen ich auch schon publiziert hatte.



Nostalgisch frisch: Umgedrehte Bleisatzzeilen oben und unten, Frakturschrift mit langem s und einer tz-Ligatur – auf dieses Inserat wurde ich oft angesprochen.

Wer kommt für eine Beratung in Frage? Ich wollte mich an kleine bis mittlere Druckereien wenden, die eine unabhängige Beratung bei der Fotosatzplanung wohl am nötigsten hatten, und setzte mein Honorar dementsprechend niedrig an: 400 DM, später 500 DM pro Beratungstag (zusätzlich Reisekosten und Mehrwertsteuer).

Zwar meldete sich verschiedentlich auch mal ein Großunternehmen, jedoch zeigte sich spätestens bei der Kontaktberatung, dass die maßgeblichen Herren schon ihre eigenen Vorstellungen hatten und die Systemauswahl selbst durchführen wollten; sie wurden für diese Aufgabe ja freigestellt. Mir war nach diesen Treffen immer unklar, warum mich die Firma überhaupt hatten kommen lassen, denn bezahlen musste sie für meine Kontaktberatung genauso wie andere Firmen, mit denen es danach weiterging. Wollte sie von mir einfach eine Bestätigung ihrer Planung?

Meine Fachberatung war im Grund eher technisch und organisatorisch orientiert als betriebswirtschaftlich. Es ging nicht darum, ob Fotosatz oder nicht, sondern welche Kategorie von Fotosatzsystem in Frage kam (das klärten wir bei der eintägigen Kontaktberatung) und welches System in dieser Kategorie letztlich gekauft wurde.
Wer erwartete, dass der Berater gewissermaßen aus dem Ärmel schüttelt, welches System für sein Unternehmen optimal ist, den musste ich geraderücken. Es galt erstmal die Gegebenheiten, Wünsche und Pläne des Unternehmens zusammenzutragen, ich klärte über die funktionellen Möglichkeiten der aktuellen Systeme auf und nannte beim Namen, welche Systeme von welchen Anbietern in Frage kämen. Darauf baute ein Auswahlverfahren auf, bei dem ich größten Wert auf Zusammenarbeit legte – das heißt, obwohl das Unternehmen einen Berater engagiert hatte, blieb für die Mitarbeiter einiges zu tun übrig.

In ihrem eigenen Interesse; denn nicht ich sollte später mit dem System arbeiten, sondern sie. Anders ausgedrückt: Ich musste ein kleines Team dazu bringen, selbst zu entscheiden: Dieses System ist genau das richtige für uns, und kein anderes!



Meine Beratungssystematik

Nach dem Kontakttreffen erstellte ich einen kleinen, will sagen nicht endlos ausufernden Pflichtenkatalog, beschrieb die Anforderungen aus Sicht des Unternehmens und stellte eine Wunschkonfiguration auf. Dieses Papier wurde zur Angebotseinholung an die Anbieterkandidaten verschickt. Nachdem alle Offerten eingetroffen waren, besprach ich mich telefonisch mit dem Kunden bzw. mit dem technischen, Setzerei- oder Projektleiter. Der eine oder andere Anbieter schied jetzt schon aus, die anderen luden wir dicht hintereinander zu klärenden Gesprächen ins Unternehmen ein. Diese Gespräche dauerten ca. 2 Stunden, in denen die Anbieter/Verkäufer weitere Infos über „unsere Seite“ erhielten, ihre Angebote erklären konnten und unsere Fragen beantworteten.

Nach diesen Gesprächen zogen wir ein internes Fazit: Wer fällt weg, wer bleibt im Rennen? Oft blieben 2 oder 3 Kandidaten übrig, mit denen wir uns nun intensiv auseinandersetzten, vor allem mit praxisnahen Systemvorführungen. Die Kandidaten erhielten vor unserem Besuch Satzmuster zugeschickt, um ihre Demos optimal vorbereiten zu können. Die Demo samt theoretischem Vor- und Nachgespräch und einschließlich unserer An- und Abreise dauerte einen Tag. Meine Funktion dabei war die Regie: In welcher Reihenfolge, was genau wollten wir sehen? Wenn’s zu schnell ging, bremste ich die Erklärungen oder die Eingabe des Vorführers. (Die Kaufinteressenten sind nicht immer mutig genug, „halt!“ zu sagen und Details, die der Vorführer in seinem Arbeitsfluss versteckt, zu hinterfragen.)

Jeder Teilnehmer von unserer Seite war aufgerufen, während und nach der Demo einen Beurteilungsbogen auszufüllen über die Fotoeinheit, die Datenträger-Handhabung, die Tast- und Arbeitskontrolle, Positives und Negatives über die Anwendungssoftware, die Konfigurationsmöglichkeiten und die Eignung für den geplanten Verwendungszweck. Schließlich: Welche besonderen Vor- und Nachteile hat dieses System?

Nach den individuellen Vorführungen trugen wir die gesammelten Eindrücke zusammen, besprachen die Vor- und Nachteile, die Eignung der untersuchten Systeme und die Preisgestaltung. Manchmal wurden für die verschiedenen Anforderungen Punkte vergeben und addiert, manchmal genügte aber am Schluss auch eine geheime Abstimmung: Jeder, auch ich, schrieb auf einen Zettel, welches System er unter Berücksichtigung aller Anforderungen am geeignetsten hielt; und merkwürdigerweise gingen die meisten Abstimmungen einstimmig aus: Dieses System wollen wir haben!

Schulung und Systemeinführung

Das Favoritensystem wurde bestellt und geliefert – aber wie steht’s mit der Schulung? Die Neueinführung erfolgte ja parallel zur laufenden Produktion mit dem bisherigen System. Unternehmen mit ausreichender Personaldecke arrangierten sich allein mit ihrem Systemlieferanten, andere Unternehmen mit knappem Personal konnten mich auch noch für die Systemeinführung engagieren. In diesem Fall wurde ich zusammen mit einem Projektleiter meines Beratungskunden geschult. Zu zweit bereiteten wir die Einführung samt Abwicklung der ersten Satzaufträge vor, ich schulte das Personal oder einen Teil davon und war in der „Stunde der Wahrheit“, bei der Überführung der ersten Satzarbeiten ins neue System, dabei.

Im PDF mit meinen Originaldokumenten finden Sie folgendes:
– meinen Werbeprospekt „Fachberatung Fotosatz“ (anno 1977 noch in der von mir verfochtenen Kleinschreibung);
– mein Schreiben, das ich zu Beginn meiner Beratungstätigkeit an über 1000 Setzereien und Druckereien in Deutschland und in der Schweiz schickte;
– eine Presseinformation;
– einen Fachartikel in der „Offsetpraxis“, in dem ich ausführlich meinen Beratungsstil beschrieb;
– eine Beschreibung meiner Beratungsangebote aus späterer Zeit, als die proprietären Fotosatzsysteme von Desktop-Publishing-Systemen abgelöst wurden;
– ein allgemeines Beratungsbeispiel (siehe auch die obige Ablaufbeschreibung);
– einen Erhebungsbogen über die Auftragsstruktur meines Beratungskunden;
– eine Tabelle zur Gegenüberstellung von Systemkonfigurationen;
– und einen Bogen zur Systembeurteilung im Anschluss an eine individuelle Systemdemo.

Nach dem Fotosatz: DTP und CtP

Als in den 1980er-Jahren der „Macintosh“ und der PC, Laserdrucker und „PostScript“ aufkamen und im Desktop Publishing neue Standards setzten, war das wieder der Beginn vom Ende – des proprietären Fotosatzes. Wie beim Wechsel von der Metall- zur Filmära glaubten auch diesmal viele Fachleute nicht an einen technologischen und schon gar nicht an einen schnellen Wandel. Doch Standard-PCs und -Betriebssysteme, Standard-Ausgabesprachen wie „PostScript“ und PDF setzten sich in der Druckindustrie ebenso durch wie Adobes „Photoshop“ zur Bildbearbeitung und die Quasi-Standard-Layoutprogramme Aldus „PageMaker“ und Quark „XPress“.






Die Zeiten ändern sich: Mit der Fremddatenübernahme und dem Desktop Publishing drängten sich neue Beratungsthemen auf.

Das Do-it-yourself-Publishing war angesagt. Die Satz- und Bildbearbeitungsausrüstung war nun vergleichsweise preisgünstig, um nicht zu sagen billig. Was billig in der Investition war, durfte nach dem Kauf keine unverhältnismäßig hohen Ausbildungskosten verursachen, war ja auch – wenn man den Verkäufern und einigen Publizisten glaubte – einfach bedienbar. Alle kauften mehr oder weniger das gleiche, brauchten keine Auswahlberatung mehr, und mit der Hard- und Software hangelte man sich halt so durch: „Learning by doing“ nannte man das, oder „Lernen durch Ausprobieren“.

In dieser Ära, die bis ins 21. Jahrhundert hineinreichte und da mit dem Internet, Computer-to-Plate (CtP), der Digitalfotografie und JDF-Vernetzung neue Impulse erhielt, wurde das Publizieren und Produzieren, wurden die Druckvorstufen „demokratisiert“. Die Beratungsaufträge wurden weniger. Eine interessante Aufgabe war für mich die Umstellung von Gemeindeblättern, die bisher im IBM-Schreibsatz hergestellt wurden, auf DTP-Methoden: Anzeigensatz mit „PageMaker“ oder „XPress“, Seitenumbruch am „Mac“ oder PC, Laserdruck statt Fotosatz.
Langwieriges Lernen durch Ausprobieren kam hier nicht in Frage, die Umstellung musste schnell funktionieren. Und zwar mit angelernten Typistinnen! Auch für die Datenverwaltung, den Workflow und das Backup, in Akzidenzbetrieben oft vernachlässigt, galt es von Anfang an Lösungen zu finden, und die Zusammenarbeit spielte sich in einem Apple- oder Novell-Netzwerk ab.

Hier einige interessante Beratungsfälle aus meiner Praxis:
(folgen)


Kritik, Verbesserungshinweise und Lob sind willkommen. Schicken Sie mir einfach eine eMail. Danke!


(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken