Mein Werdegang zum Schriftsetzer


1962, als frischgebackener Setzergehilfe

Ich bin ein Noch-Zweiter-Weltkrieg-Kind: geboren 1943, gut 2 Jahre vor Kriegsende. Vom Krieg selbst habe ich nichts mehr mitbekommen, aber sehr wohl vom Wiederaufbau danach. Teils negativ, aber vor allem positiv. Ich kann nicht nachvollziehen, warum manche Leute die 1950er- und 1960er-Jahre als prüde und langweilig runterputzen; ich selbst habe meine Jugendzeit in vieler Hinsicht genossen – obwohl meine Eltern nicht mit großen Gütern gesegnet waren.

Ich stamme aus einer kulturell interessierten Familie. Meine Hobbies (ich glaube, „Hobby“ und „Party“ waren die ersten Wörter, die wir von „unseren amerikanischen Freunden“ ins Deutsche übernahmen), meine Hobbies also waren und sind teilweise heute noch: Lesen, Theater und Kino, Musik spielen (als Kind: Blockflöte und Klavier), Elvis-Hits und anderes von Radio Luxemburg konservieren (ich war ein penibler Tonbandler), Schallplatten hören (während meiner Lehrzeit kaufte ich meine erste Stereoanlage), Tanzen (Gesellschafts- und Folkloretänze). Ich war im Sportverein, spielte in einer Kirchengemeinde-Jugendmannschaft Tischtennis und wie die meisten Jungs Fußball, erst in Hausruinen (Sportplätze gab’s damals ja noch nicht), im frühen Berufsleben dann auch in der Betriebsmannschaft.

Insgesamt absolvierte ich eine geordnete, geradlinige Ausbildung, vom Kindergarten bis zum Fachjournalist. Was die Schule angeht, war zu meiner Zeit alles einfach: Jeder besuchte die Grundschule und ergriff, wenn er oder sie dort blieb, danach einen handwerklichen Beruf. Aufsteiger gingen nach der 4. Grundschulklasse in eine Mittelschule (pardon: vornehmer Realschule), um sich 6 weitere Jahre lang fit machen zu lassen für eine kaufmännische Laufbahn („mittlere Reife“, typisch für einen Übergang zur „Handelsschule“), oder wer sich’s leisten konnte, wechselte an eine Oberschule (vornehmer: aufs Gymnasium) mit dem Ziel eines anschließenden Studiums.

Ich besuchte in Stuttgart das Friedrich-Eugens-Gymnasium und gehörte da zu den mittelguten Schülern. Meine Stärken waren Sprachen: Deutsch und Englisch (und ein bisschen Französisch, Schwäbisch sowieso), weniger die naturwissenschaftlichen Fächer. Nach 6 Jahren Gym hatte ich genug: Ich sah wenig Sinn darin, mit 3 weiteren Schuljahren das Abitur zu erzwingen, sondern wollte lieber was Praktisches anfangen, sprich: ins Berufsleben einsteigen. Von meinen Neigungen (Kulturelles) und von meinem Können (Sprachen) her lag die Berufswahl eigentlich nahe: Ich wollte Schriftsetzer werden.



Meine ersten Erfahrungen im künstlerischen Umgang mit Schrift machte ich in der 5. (9.) Klasse des Gymnasiums beim Schriftschreiben mit der Bandzugfeder.

Schon damals, in den 50er-/60er-Jahren, war es nicht selbstverständlich, einen guten Ausbildungsplatz zu bekommen. Die Berufsausbildung hieß noch „Lehre“, der Jungspund selbst „Lehrling“ oder, profaner, „Stift“. Ich bewarb mich bei einer 15 Gehminuten entfernten großen Druckerei namens Chr. Belser, Druckerei und Verlag, im Stuttgarter Westen um eine Schriftsetzerlehre und merkte erst, als ich zu einer Aufnahmeprüfung aufgefordert wurde, was das für ein Kaliber war: eine der renommiertesten Druckereien Baden-Württembergs. Ich bestand die Aufnahmeprüfung – wozu das deutsche Diktat sicher maßgeblich beigetragen hat – und trat, zusammen mit einem anderen neuen „Stift“, Mitte April 1959 ins Arbeitsleben ein.

Meine Setzerlehre

Die Lehre dauerte 3 Jahre. Ich lernte die Tätigkeiten des „Handsetzers“, der mit Blei, anderen Metallen und Holzlettern umging, sich aber oft erst Gedanken über eine ansprechende Gestaltung der Drucksache machen musste (heute würde man dazu „Design“ sagen, aber die Mediengestalter, Nachfolger der Setzer, kümmern sich kaum noch um die Gestaltung, denn die wird ihnen vorweg-gedacht, z.B. von einer Werbeagentur).

Eine Druckerei wie Belser war natürlich optimal ausgestattet mit Schriften und allen anderen Satzmaterialien, wie auch mit ausbildungsfähigem Personal – trotzdem war der Freitag einem Berufsschulbesuch vorbehalten. Die Fächer an der gewerblichen Berufsschule hießen: Gemeinschaftskunde, Deutsch, Wirtschaftskunde, Fachkunde (Werkstoffkunde, Arbeitskunde, spezielle Fachkunde), Fachrechnen, angewandte Geometrie, Fachzeichnen, praktische Fachkunde (Werkstattunterricht) und, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, sogar auch Betragen und Mitarbeit.

Im Betrieb lernten wir „Neustifte“, neben Botengängen zum Vesperholen und Zeitschrifteneinkauf, die praktische Zusammenarbeit mit den Maschinensetzern, Korrektoren, Reprofachleuten und Druckern, genauer: den Buch- oder Hochdruckern. (Der Offsetdruck wurde erst ein paar Jahre später populär, gemeinsam mit dem Film- oder Fotosatz.) Von Anfang bis zum Schluss der Lehre führte man ein Berichtsheft, auf das ich hier genauer eingehe, denn es zeigt sowohl die fachlichen Inhalte der Schriftsetzerlehre wie auch den Stil der Ausbildung.



Wie wird das Berichtsheft geführt?

Der nachfolgende Text stammt aus dem offiziellen Merkblatt.
„Das Berichtsheft soll ein Spiegelbild der Lehrzeit sein; es soll zeigen, was und wie der Lehrling während seiner Lehrzeit gelernt hat und ob vom Lehrbetrieb alle Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt wurden, die ein Gehilfe des grafischen Gewerbes braucht und die im einzelnen im Berufsbild niedergelegt sind. Im Lehrvertrag und in der ,Ausbildungsordnung für das graphische Gewerbe‘ ist festgelegt, daß die Führung des Berichtsheftes einen Pflichtbestandteil der Lehre darstellt; zur Zwischen- und Gehilfenprüfung muß das Berichtsheft vorgelegt werden.
Im Wochenbericht (Vorderseite) werden die angefertigten Arbeiten eingetragen. Soweit möglich, sind die wesentlichsten mit Stichworten zu beschreiben. Für die Tage des Berufsschulunterrichts ist kurz anzuführen, welche praktischen und theoretischen Gebiete behandelt wurden. In die 2. Spalte werden die gebrauchten Arbeitszeiten für die angefertigten Arbeiten oder die Zeit der Unterweisung durch den Ausbilder, in die 3. Spalte die fortlaufende Nummer der eingeordneten oder in besonderer Mappe gesammelten Arbeiten vermerkt.
Die Rückseite des Wochenberichts ist für die Schilderung der wesentlichsten Arbeitsvorgänge, Fehler und deren Berichtigung, besonderer Arbeiten, zum Einzeichnen oder Einkleben von Skizzen und Unterlagen und kleinen Mustern bestimmt. In Abständen von 14 Tagen sind auf diesen Seiten kleine Aufsätze niederzuschreiben, die die zugehörigen Wochenberichte ergänzen.
Erziehungsberechtigter, Lehrmeister, Ausbilder, gesetzliche Betriebsvertretung und Berufsschullehrer überprüfen in regelmäßigen Abständen das behandelte Stoffgebiet und bestätigen die Kenntnisnahme durch ihre Unterschriften an den dafür vorgesehenen Stellen im Berichtsheft, das so zum Bindeglied zwischen Elternhaus, Lehrbetrieb und Berufsschule wird.
Das Berichtsheft hat Lose-Blatt-Form. Jedes Heft ist für ein Lehrjahr gedacht und enthält darum Raum für 52 Wochen-Eintragungen. Es besteht somit keine Möglichkeit, an den Einzelblättern durch Austausch Korrekturen an dem Geschriebenen vorzunehmen.
In jeder Woche ist mindestens eine Arbeit, die das Fortschreiten der Ausbildung zeigt, als Muster zwischen die entsprechenden Blätter geheftet oder in einer besonderen Mappe zu sammeln. Ist dieses Muster kleiner als das Format des Berichtsheftes, so wird es auf ein entsprechend großes Blatt aufgeklebt und dann eingeheftet. Der Lehrling hat am Schluß der Arbeitswoche seinem Ausbilder das Berichtsheft mit den vollständigen Tageseintragungen vorzulegen. Dieser bestimmt dann auf Grund der Eintragungen, welche Arbeit oder welche Vorgänge in dem mindestens 14tägig zu schreibenden Aufsatz geschildert werden sollen. Die Korrektur des Aufsatzes ist durch den Ausbilder erst nach erfolgtem Einschreiben in das Berichtsheft vorzunehmen.“

Und, eingerahmt, diese Verhaltensregeln:
„Beachte nachstehende Merksätze!
1. Schreibe sauber und ordentlich.
2. Schreibe mit Tinte. Bleistift verwischt mit der Zeit.
3. Gewöhne dich daran, nach vorheriger Überlegung deine Eintragungen zu schreiben.
4. Fasse dich bei Beschreibungen kurz. Lerne Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden. Bedenke, daß neben einer klaren, verständlichen Ausdrucksweise in Schriftform auch eine Skizze zur Veranschaulichung wertvoll ist.
5. Skizziere sauber und, soweit erforderlich, maßstäblich.
6. Neben der Anfertigung von Skizzen sind Arbeitsproben beizufügen, die einzuheften oder in einer besonderen Mappe zu sammeln sind.
7. Halte dein Berichtsheft stets sauber. Sein Aussehen und seine Führung sprechen für dich.
8. Lege dein Berichtsheft regelmäßig deinem Erziehungsberechtigten, Ausbilder, der gesetzlichen Betriebsvertretung und Berufsschullehrer zur Durchsicht und Unterschrift vor.“

Ich habe zur Dokumentation der Schriftsetzerlehre mein Berichtsheft über die 3 Lehrjahre in 2 Bände eingeteilt: vom ersten Ausbildungstag im April 1959 bis zum Lehrabschluss im Februar 1962. Sie können beide als PDF-Dokumente herunterladen, aber Achtung: Sie haben ein Speichervolumen von 15 MB bzw. 13 MB.

Zum Herunterladen:
Berichtsheft Band 1 (126 Seiten A4)
Berichtsheft Band 2 (144 Seiten A4)

In einer 3. Mappe (nicht auf der Website) habe ich meine Arbeits-(Gestaltungs-)proben gesammelt.

Gehilfenprüfung und Gautschfeier

Den offiziellen Lehrabschluss machte eine Gehilfenprüfung mit theoretischen und praktischen Arbeiten, die ich am 17. Februar 1962 ablegte. Sie bestand aus mehreren Aufgaben im Fachrechnen, einem Leistungstest für „glatten Satz“ (ich bin heute noch stolz, dass ich 1650 Buchstaben in der Stunde schaffte) und 3 Drucksachen – Briefbogen, Anzeige, Tabelle –, die ich entwerfen und setzen musste.
Im sogenannten „Gehilfenbrief“ steht: „Erich Fritz … hat bei Chr. Belser, Druckerei und Verlag, Stuttgart, als Schriftsetzer gelernt und nach der Prüfungsordnung der Industrie- und Handelskammer die Gehilfenprüfung erfolgreich abgelegt. Auf Grund des Ergebnisses der Prüfung wird dieser Gehilfenbrief ausgestellt. Stuttgart, den 11. April 1962.“
Am 8. Juni fand eine Freisprechungsfeier der Industrie- und Handelskammer Stuttgart statt, zu der alle gewerblichen Lehrlinge und die Preisträger der Kaufmannsgehilfenprüfung aus der Frühjahrsprüfung 1962 eingeladen waren.



Einen originellen Brauch der Setzergilde habe ich mir für den Schluss aufgehoben: das „Gautschen“, mit dem inoffiziell, aber doch zünftig die Schriftsetzerlehrzeit beendet und die Aufnahme in den Gehilfenstand vollzogen wurde. Das Gautschen ist vergleichbar mit einer Taufe, bei der die Setzergehilfen die Neulinge packen und ins Wasser tauchen, was in unserem Fall auf dem Dach des Druckereigebäudes geschah. Dass es dabei freundlich-grob zugeht, zeigen die Bilder.

Mein „Gautschbrief“, siehe oben, hat daheim einen Ehrenplatz er- und behalten. Für diejenigen, die Frakturschrift nicht lesen können, hier der Wortlaut („Offizin“ ist übrigens die alte Bezeichnung für Druckerei):

Bütte, Schemel und Schwamm darauf
Sauber geordnet nach uraltem Brauch,
Meister und zümftige Gesellen zur Seit’
Im Kreise der Neue, bleich und bereit
Zu empfangen, wie Übung und Sitte gebeut,
Feuchtkalte Taufe auf Ballen und Leib,
Und so in jungen, bildsamen Jahren
Altgewohnte Buchdruckerart zu erfahren.

Gautschbrief

Wir Jünger der wohledlen schwarzen Kunst und Hüter von Gutenbergs immateriellem Erbe haben am heutigen Tage in Anwesenheit sämtlicher zünftiger Meister als auch Gesellen unserer Offizin an dem ehrenwerten
ERICH FRITZ
die Wasser-Tauff ad posteriorum und podexiorum in gebührlicher Weise vollzogen. Altem Herkommen zu Ehre ist der weihevolle Akt unter Beachtung aller notwendigen Zeremonien erfolgt und mit entsprechenden geistigen Getränken illustrieret worden. Krafft dessen ist obenbenamster Jünger Gutenbergs somit in alle uns von Kaiser Friedrich III. verliehenen Rechte eingesetzt und in den Kreis der Zunftgenossen aufgenommen. Wir erwarten von ihm, daß er als echter Kollege und Mensch seiner hohen Aufgabe und Verantwortung bewußt stets so handle, wie es unserem schönen Berufe und edlem menschlichem Tun geziemet. Allen Kunstgenossen bringen wir dies hiermit gebührenderweise zur Kenntnis und bitten denselben gut aufzunehmben und gegebenenfalls zu unterstützen.
So geschehen zu Stuttgart, anno domini 1962, Offizin Chr. Belser
Unterschriften: Gautschmeister, 1. und 2. Pakker, Schwammhalter, Zeugen



Zum „Gautschen“ werden die Setzergehilfen zu „Packern“: Sie packen den ehemaligen Lehrling, machen ihm auf einem Schwamm erstmal den Hosenboden nass ...,



... um ihn, trotz mehr oder minder kräftigen Widerstands, in einem Wasserbecken (oder in einem größeren Zuber) zu taufen, sprich zu „gautschen“.




Damit nicht genug, laden die Neulinge ihre Kollegen zu einer Gautschfeier ein, bei der ihre allerletzte Prüfung stattfindet: Wieviel Alkohol, sprich Bier, vertragen sie?
Die bisherigen Setzer-„Stifte“ müssen, auf eine Dreikantholz kniend, durch einen Trichter einen halben bis ganzen Liter Bier hinunterschlucken, um ihre Trinkfestigkeit zu beweisen. Wer, glauben Sie, bezahlt die Zeche dieses ausartenden Abends? Natürlich die neuen Gehilfen, die jetzt endlich aber als solche anerkannt werden!

Wir – 3 neue Setzer- und 2 neue Reprogehilfen – teilten uns die Kosten der Gautschfeier und bedankten uns mit folgender Rede:

„Liebe Kollegen!
Im Namen der 5 Gäutschlinge möchte ich Sie heute abend recht herzlich begrüßen. Die Gautschfeier, unser Hauptgesprächsthema der vergangenen Woche, beginnt ihren Lauf zu nehmen.
Viele unserer ehemaligen direkten oder indirekten Vorgesetzten, zu denen wir mit Hochachtung hatten aufsehen sollen, sind gekommen, um uns zum letzten Male, dafür aber recht gründlich, auszunutzen. Nun, wir lassen ihnen ihren Willen, schon deshalb, um unsere Setzerkollegen, denen wir in Zukunft noch recht viele Stege und Regletten klauen wollen, von vornherein zu besänftigen.
Manche von Ihnen haben als Packer ja schon vor anderthalb Wochen ihren Rahm abgeschöpft, als sie durch zweimaliges Gautschen in den Genuß von zwei Freibieren kamen, obwohl ihnen eigentlich nur eines zustand. Wir wollen es ihnen nicht nachtragen, hatten sie doch wenigstens beim erstenmal viel Mühe, die ausgekniffenen Gautschkandidaten aus den Toiletten zu ziehen.
Andererseits haben wir Ihnen allen viel zu danken für die Kenntnisse, die Sie uns in den drei Jahren unserer Lehrzeit beigebracht haben. Außer unseren Ausbildern sind Sie uns viele Male mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Und es hat etwas genutzt. Das beweist unsere bestandene Gehilfenprüfung, auch wenn uns manchmal einige gehässige Gesellen das Gegenteil einreden wollen.

So sind wir nun hier
bei Spätzle und Bier.
Die anderen strahlen,
denn wir müssen zahlen.
Die Stimmung ist herrlich,
der Alkohol gefährlich;
doch macht euch nichts draus,
hebt an – und sauft aus!“




Kritik, Verbesserungshinweise und Lob sind willkommen. Schicken Sie mir einfach eine eMail. Danke!


(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken