Fachhochschulstudium

Weiterbildungen für Facharbeiter gab es zum Meister (Führungskraft mit Lehrberechtigung, an den Berufsschulen), zum staatlich geprüften Techniker (Führungskraft und Unternehmer, z.B. an den Technikerschulen in Bielefeld, Düsseldorf, München, Nürnberg und Stuttgart) und zum graduierten Ingenieur (mit Managementaufgaben, an den Ingenieurschulen in Berlin, München, Stuttgart und Wuppertal).

Ich wollte die oberste Stufe der Karriereleiter erklimmen und den „Ingenieur“ machen. Als Schwabe natürlich in Stuttgart. Zur Finanzierung: Ich hatte mir in den 8 Jahren meiner Hand-, Maschinen- und Fotosetzertätigkeit einiges angespart und wollte neben dem Studium her als Maschinensetzer jobben, bei meinem früheren Arbeitgeber, der Maschinensetzerei Hans Wilhelm im Stuttgarter Westen. So würde ich wohl über die 4 Jahre Studienzeit kommen.



Aus einer Ingenieurschule für Druck wird ...


Mit einem Vorkurs zur Fachhochschulreife

4 Jahre Studienzeit? Ein Ingenieurstudium dauerte 3 Jahre, 6 Semester. Nun, ich war in einer Zeit „aufgewacht“, als nicht nur die Arbeitstechniken, sondern auch das Ausbildungswesen geändert wurde. Aus manueller Text- und Bildverarbeitung wurde im Lauf der Jahre die digitale Druckvorstufe – und aus dem Fach-Ingenieurstudium sollte ein Fach-Hochschulstudium werden, mit Beginn am 1. Oktober 1971 (dem Wintersemester 1971/72).
Damit änderten sich auch die Zugangsbedingungen: Genügte fürs Ingenieurstudium noch die Mittlere (10 Jahre Schule) oder Fachschulreife, wurde für die Fachhochschule die Fachhochschulreife vorausgesetzt (Mittlere Reife + 2 Jahre Technisches Gymnasium, oder Abitur). Soll heißen, dass zum Studium nun auch reine Theoretiker zugelassen waren, direkt nach dem Abi; 2 Industriesemester würden genügen, diesen den druckfachlichen Teil zu vermitteln.

Praktikern wie mir, mit Mittlerer Reife und Berufstätigkeit, wurde für eine Übergangszeit die Möglichkeit geboten, einen einjährigen „Vorkurs Fachhochschulreife“ zu besuchen, um den Theorie-Vorsprung der technischen Gymnasiasten und Abiturienten aufzuholen. Ich war unter den ersten, die für diesen Weg von der Staatlichen Ingenieurschule für Druck Stuttgart zugelassen wurden. Unser erster Vorkurstag war der 1. Oktober 1970, am selben Tag starteten auch die letzten Ingenieurschüler mit ihrem Studium (danach würden es – genauer: wir Vorkursschüler – ja Fachhochschüler sein).

Die Situation an der Stuttgarter Ingenieurschule (geflügeltes Wort unter den Studenten: der „besten Schule Deutschlands, wenn nicht der Welt“) war – ja, man muss schon so sagen – konfus: Was auf die Beteiligten zukam, wussten weder die Dozenten genau, und schon gar nicht wir Schüler. Wir Jungs von 20 bis 27 Jahren (keine Mädchen) waren – ja, das kann man ruhig so ausdrücken – in Stuttgart die „Versuchskaninchen“ für ein neues Ausbildungsmodell. Mit allen Nach- und einigen wenigen Vorteilen.

Wer mehr über den Übergang vom Ingenieur- zum Fachhochschulstudium wissen und meinen frustrierten Bericht über die erste Vorkurswoche lesen möchte: Hier können Sie sich ein PDF-Dokument herunterladen.

Der „Vorkurs Fachhochschulreife“ war ins Bosch-Areal in der Seidenstraße ausgelagert und widmete sich ausschließlich allgemeinbildenen Fächern, wie Deutsch, Englisch, Geschichte, Mathematik, Darstellende Geometrie, Physik, Chemie und Wirtschaftslehre. Sogar mit der Neuen Mathematik wurden wir konfrontiert, einer Reformbewegung in den 1960er-, 1970er-Jahren, um anstelle des traditionellen Rechenunterrichts Mathematik mit abstrakten Strukturen zu lehren. Weil ich die Neue Mathematik gerade in einer Radio-Sendereihe kennengelernt hatte, konnte ich zum Unterricht und mit Nachhilfestunden für meine Mitstudenten beitragen. Erfreulicherweise hat sich die „Mengenlehre“ aber nicht durchgesetzt, das Gelernte konnten wir also schnell wieder vergessen.

Am Ende des Vorkurses stand die Eignungsprüfung zur Erlangung der Fachhochschulreife im Juni 1971. Geprüft wurde in den Hauptfächern Deutsch, Geschichte, Englisch, Mathematik und Physik, bzw. für externe Teilnehmer auch in den Beifächern Chemie, Wirtschaftslehre oder Darstellende Geometrie. Ich schloss in allen Fächern sehr gut bis gut ab, bekam die Fachhochschulreife zugesprochen und wurde für ein 8semestriges Studium an der Staatlichen Ingenieurschule für Druck Stuttgart eingeschrieben. Als „gelerntem“ Setzer wurden mir die (praktischen) Industriesemester erlassen.
Ich würde also 6 Semester, 3 Jahre, studieren, beginnend am 4. Oktober 1971 mit dem 2. Semester, und mit einem akademischen Titel abschließen. Welcher Titel genau, war bei Studienbeginn und noch lang danach unklar. Jedenfalls nicht mehr Ing. (grad.) wie bisher an der Ingenieurschule, eher Ing. (FH) – oder, wie viele von uns erhofften, der international anerkannte, bisher aber nur von Universitäten vergebene Dipl.-Ing.?



... eine Fachhochschule für Druck.


Am 1. Oktober 1971
begann an 22 Ingenieur-, Höheren Fach- und Werkkunstschulen Baden-Württembergs das 8semestrige Fachhochschulstudium. Von den zugelassenen Studienbewerbern an der Fachhochschule für Druck Stuttgart nahmen erstmals 9 das erste Praxissemester in der Druckindustrie auf; als „gelerntem“ Setzer wurde mir dieses erlassen. Ich startete am 4. Oktober also mit dem 2. Semester.

Umfangreiche Rahmenstoffpläne mit 61 Fächern lagen seit dem 1. April vor. Der Studentenausschuss AStA beschwerte sich am Ende des Sommersemesters: „Bis heute ist jedoch unklar (und das 4 Monate vor Beginn der Fachhochschule),
– welche Übergangsregelung bekommen die derzeitigen Studenten?
– Wie erfolgt die Graduierung?“
Zu allen diesbezüglichen Anfragen antworte das Kultusministerium: „... es ist davon auszugehen, dass ...“ (also nichts Sicheres). Weiter:
– „Was geschieht mit den bereits graduierten Ingenieuren?
– Warum müssen die Vorkursteilnehmer auch noch eine Eignungsprüfung machen, bevor sie an der FHD studieren können, wenn diejenigen, die heute beispielsweise bei der Bundeswehr sind, nach Beendigung der Dienstzeit ohne Vorkurs und Eignungsprüfung an der FHD studieren können?
– Warum sollen die Studentenvertretretungen aufgelöst werden?“

Ulrich Wohlgemuth, einer meiner politisch engagierten Kommilitonen und späteres AStA-Mitglied, klärte in der Schulzeitschrift „Stuttgarter Omnibus“ auf: „Für die Flut der Absolventen sind die Schulen noch nicht gerüstet.“ Über die Zusammensetzung unseres Semesters, des ersten Fachhochschulsemesters überhaupt: „26 Absolventen der Vorkurse wurden nach erfolgreich abgelegter Eignungsprüfung im 2. Fachhochschulsemester immatrikuliert. Sie bilden mit 45% das größte Kontingent unter den 58 Studienanfängern. Mit 24% belegen erstmals die Abiturienten (alle Inhaber einer abgeschlossenen Lehre) den 2. Rang. Auf Platz 3 folgen 19% der Studienanwärter, die zugelassen wurden, obwohl sie ,nur‘ die Fachschulreife besitzen. Da sie vor Inkrafttreten der neuen Bestimmungen ihren Wehrdienst geleistet haben, konnten sie, um eine Benachteiligung auszuschließen, eine Übergangs-Ausnahmeregel in Anspruch nehmen. Die restlichen 12% verteilen sich auf Studienbewerber mit Bildungsnachweisen, die den Aufnahmebedingungen entsprechen. Davon entfallen auf die Teilnehmer von Telekollegen 9% und auf Gymnasialabsolventen der Obersekunda 3%.“

Neu außer den Aufnahmebedingungen war auch der Ablauf des Studiums selbst. Das Studium umfaßte jetzt 6 Studien- und 2 Industriesemester. Die bislang geforderten 2 Praxisjahre vor Studienbeginn wurden durch die 2 Industriesemester ersetzt.

Abfolge der Semester (siehe auch die Abbildung im PDF-Dokument):
1. Semester = 1. Industriesemester
2. und 3. Semester = 1. Studienjahr (Grundlagenstudium)
4. und 5. Semester = 2. Studienjahr (Fachstudium)
6. Semester = 2. Industriesemester
7. und 8. Semester = 3. Studienjahr (Vertiefungsstudium)
Das erste Studienjahr (Grundlagenstudium) bot jedem Studenten verbindliche Studienfächer, die es ihm ermöglichen, sich einen möglichst breiten Überblick zu verschaffen, der zur Klärung seiner Interessen und Begabung dient. Im zweiten Studienjahr (Fachstudium) blieb die Mehrzahl der Lehrveranstaltungen für alle verbindlich. Im dritten Studienjahr war nur noch Unternehmensführung für alle verbindlich. Im übrigen konnte der Student seinen Studiengang weitgehend selbst zusammenstellen.

6 Regelstudiengänge wurden zum Schwerpunktstudium angeboten:
– Verfahrenstechnik Druck, Reproduktion und Druckverarbeitung
– Verpackungstechnik
– Fertigungstechnik mit Betriebswirtschaft (entsprach dem Wirtschaftsingenieur)
– Betriebswirtschaft der Druckindustrie (entsprach dem Technischem Betriebswirt)
– Presse- und Verlagstechnik
– Werbetechnik und Werbewirtschaft

Im neuen Stoffplan der Fachhochschule fanden sich sowohl gesellschaftswissenschaftliche Studienfächer wie auch Vorlesungen, die mehr das naturwissenschaftliche, fertigungstechnische oder betriebswirtschaftliche Denken zum Ziel hatten.

Wohlgemuth weiter: „Durch die neuen Bedingungen werden die Studienanfänger nicht mehr mit Aufgaben belastet, die in den Sekundärschulbereich fallen. Deshalb konnte, bis auf die technischen Fächer, ausnahmslos weiter oben angesetzt werden. Ferner konnte die Wochenstundenzahl, gegenüber dem alten Ingenieurzug, um 6 auf 28 Wochenstunden gekürzt werden.“

Schließlich ging Wohlgemuth in seinem „Omnibus“-Bericht noch auf den neuen Status der Ingenieurschule ein. „Sie hat durch die Umwandlung in eine Fachhochschule durch Übertragung der Selbstverwaltung eine höhere Eigenständigkeit erhalten, ist nun Körperschaft des öffentlichen Rechts und erhält im fachlichen Bereich eine neue Souveränität. Wirksam wird dieser Status mit Verabschiedung des Fachhochschulgesetzes durch den Landtag, das in diesem Jahr (1971) erfolgen muß. Erst dann werden die neuen Prüfungs- und Studienordnungen einen endgültigen Charakter haben. Für die Übergangszeit wurde an unserer Schule eine Studien- und Prüfungsordnung erarbeitet.
Das gehobene Eingangsniveau ist notwendig, denn seit der Gründung der Höheren Graphischen Fachschule im Jahr des Ruhrkampfes und der Reichskrise (1923) sind die Anforderungen der Druckindustrie an die Absolventen technischer Bildungsanstalten ständig gewachsen. Der auszubildende Ingenieur ist heute einem breiten Fachbereich ausgesetzt, der eine umfassende Spezialausbildung fordert.
Unsere Ingenieurschule muß uns somit im neuen Fachhochschulbereich zukunftsbezogene Lehrveranstaltungen anbieten, damit wir im späteren Berufsleben einer modernen, leistungsstarken Druckindustrie Rechnung tragen können. Dies wurde von der Schulleitung und allen beteiligten Aktiven erkannt. Denn nicht nur der Schwierigkeitsgrad in den verschiedenen Fächern ist angewachsen, sondern auch der Fächerkanon hat sich erweitert.“



An dieser Stelle soll die neue Fachhochschule für Druck aufgebaut werden. (Bild aus „Stuttgarter Omnibus 16“).

Die Enge in der Ingenieur-, pardon Fachhochschule in der Stuttgarter Seidenstraße 43 wurde schon angesprochen. Wir alle, „Vorkursler“ wie auch Ingenieurstudenten und Dozenten, litten unter der Raumnot. Vorlesungen wurden im Haupthaus und zusätzlich im Bosch-Areal, bei der DAG, im katholischen Gemeindesaal (Silberburgstraße 60) und im evangelischen Gemeindesaal (Seidenstraße 73) abgehalten – ein auf Dauer untragbarer Zustand. Aber die Hoffnung auf einen Neubau im Universitätsgelände Stuttgart-Vaihingen bestand. Der „Druckspiegel“ im März 1971: „Nach der Planung des Universitätsbauamtes soll der Bau im Frühsommer 1971 begonnen, der Rohbau Ende des Jahres fertig und das Gebäude im Herbst 1973 beziehbar sein.“

Unser Semester, das bis Juli 1974 studierte, hat davon nicht mehr profitiert. Wir waren die ersten, die an der Fachhochschule für Druck Stuttgart (FHD) studierten, und die letzten, die das komplett an alter Stätte taten. Oben, im Stuttgart-Vaihinger Universitätsgelände, wurde sowieso alles anders: Erst da wandelte sich die FHD zu einer richtigen Universität und wurde entsprechend umbenannt: in Hochschule für Druck und Medien (HDM) und dann, nach dem Anschluss der Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen, in Hochschule der Medien (HdM). Nicht wenige Fachleute haben es bedauert, dass der Druck aus dem Namen verschwand.

Ich entschied mich für den Studiengang Fertigungstechnik mit Betriebswirtschaft, einer guten Mischung aus techischen, betriebswirtschaftlichen und Managementfächern, und hangelte mich durch die 3 Studienjahre. Nacheinander sammelte ich Leistungsnachweise z.B. in den Fächern Fertigungstechnik der Formherstellung Satz und der Formherstellung Klischee, Buchführung und Bilanz, Fertigungstechnik Druckverfahren, Chemie und physikalische Chemie, Statistik, Soziologie mit Betriebssoziologie, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Organisationslehre und Organisationstechnik, Physik, Produktgestaltung, Druckereimaschinen, Kosten- und Leistungsrechnung, Elektronische Datenverarbeitung, Arbeitsvorbereitung, Kalkulation Werke und Zeitschriften, Materialwirtschaft, Arbeitsrecht, Netzplantechnik, Offsetkalkulation, Kalkulation Repro, Spezielle Technologie, Praktikum Fertigungstechnik, Kalkulation 2, Technische Betriebsführung, Management und Personalführung.
Eine Abschlussarbeit über „Automatische Satzherstellung unter Einbezug von OCR-Lesemaschinen“, mit Betreuung durch den Satzdozenten Karl Blätzinger, rundete meine Leistungen ab, für die ich im Abschlusszeugnis die Gesamtnote Gut erhielt.

Am 26. Juli wurden wir, die Ingenieur- und Wirtschaftsingenieur-Absolventen des Sommersemesters 1974, bei einem Empfang durch den Schulrektor, Herrn Prof. Dr. Ohlhaver, verabschiedet. Nun ging’s raus in die Wirtschaft ...

Auf meiner Graduierungsurkunde stand: „Mit dieser Urkunde wird der Hochschulgrad Wirtschaftsingenieur (grad.) verliehen.“ 5 Jahre später, im August 1979, erhielt ich von der FHD, nun endgültig in Stuttgart-Vaihingen, die Nachricht, dass laut einem baden-württembergischen Fachhochschulgesetz vom 22.11.1977 eine Nachdiplomierung möglich sei. Auf Antrag erhielt ich einen neue Diplomurkunde: Mein Wirtschaftsingenieur (grad.) wurde umgewandelt in den Hochschulgrad Diplom-Wirtschaftsingenieur (Fachhochschule) oder kurz Dipl.-Wirt.-Ing. (FH).

Was mir das Fachhochschulstudium gebracht hat? Den Aufstieg vom Satz-Facharbeiter zum Allround-Druckmanager. Was man konkret draus machte, lag an einem selber. Ich bin „meiner Satzherstellung“, die sich immer spannender weiterentwickelte bis hin zur digitalen Druckvorstufe, treu geblieben. Klar ist, dass ich ohne ein Fachhochschulstudium nicht in den Systemvertrieb, in Marketingaufgaben, in die Unternehmensberatung hätte einsteigen und mich zu einem vielseitig einsetzbaren Fachjournalisten entwickeln können.
Letztlich wäre ohne mein Fachhochschulstudium an „der besten Schule Deutschlands, wenn nicht der Welt“ auch nicht diese Website entstanden.



30 Jahre danach: Unser Semestertreffen 2004 an der Hochschule der Medien (HdM), Stuttgart-Vaihingen.
Aus den Fachhochschul-„Versuchskaninchen“ der 1970er-Jahre sind „alte Hasen“ geworden.


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