Maschinensetzer

Für den frischgebackenen Handsetzer ändert sich gegenüber dem letzten Lehrjahr nicht viel. Auf seinem Arbeitszettel muss er jetzt allerdings soviel produktive Arbeit wie möglich ausweisen.
Seine Tätigkeiten sind: Gestaltungen entwerfen, die Buchstaben (aus dem großen Kasten oder, bei größeren Schriftgraden, aus einem Steckkasten) in seinen Winkelhaken setzen, die Zeilen ausheben und aufs „Schiff“ stellen, mit Füllmaterial (Quadraten, Regletten, Stegen) die Leerräume ausfüllen, das Ganze mit einer Schnur ausbinden. An einer Abziehpresse macht er dann von seiner „Kolumne“ einen Korrekturabzug, den er zusammen mit dem Manuskript ins Korrektorat bringt. Die Korrekturen führt er aus, macht einen oder mehrere Abzüge für den Kunden zur Prüfung und führt nach der Rückgabe dessen Korrekturen aus. Da es wahrscheinlich noch etwas dauert, bis die Arbeit gedruckt wird, schiebt er die Kolumne auf ein Stehsatzbrett an seinem Arbeitsplatz oder transportiert sie auf einer Portopage (das ist eine dicke Kartonunterlage) zum Warteplatz.
Von dort kommt sie in den Drucksaal, nach dem Ausdrucken zurück in die Setzerei – wo sie entweder als „Stehsatz“ aufbewahrt oder in ihre Einzelteile zerlegt („abgelegt“) wird.

Eine Variante bei größeren Textmengen, z.B. für Bücher, Zeitschriften oder Zeitungen: Der Mengentext wird maschinell getastet und gegossen und dem Handsetzer zur Verfügung gestellt. Dessen Aufgabe ist es nur noch, den Text gegebenenfalls mit Bildklischees zu ergänzen und alles in Seiten einzuteilen – sprich: den Seitenumbruch zu erledigen. Die maschinell erzeugten Buchstaben (Lettern) oder Zeilen müssen nach dem Druck nicht abgelegt werden, sondern werden zur Wiederverwendung des Metalls eingeschmolzen.

Mehr ist an dieser Stelle zur Setzertätigkeit nicht zu sagen. Nur noch etwas Grundsätzliches: Weil der Setzer Texte aus vielerlei Bereichen verarbeitet – von Geburts- bis Todesanzeigen, Sport- bis Theaterberichten, sozial- bis naturwissenschaftlichen Abhandlungen, aus Wirtschaft und Politik, von Ersatzteil- bis Computerkatalogen –, hat er den vielleicht interessantesten Beruf überhaupt. Wenigstens galt das damals noch, in den 1950er- bis 1970er-Jahren und davor – bis die Kunden ihre Texte fertig auf Diskette anlieferten und der Setzer mit den Inhalten nichts mehr zu tun hatte.

Ausgelernt?

Machen wir einen Zeitsprung noch weiter zurück. Im Mittelalter war es üblich, dass der Ausgelernte, also der Geselle, auf Wanderschaft ging, um neue Lebenserfahrungen zu machen und sich weiterzubilden. Ähnlich beim Setzer: Er wechselte in andere Betriebe, denn in seinem Lehrbetrieb blieb er, trotz Gehilfenbrief, nicht selten der „ewige Stift“. Und obwohl Handsetzer ein angesehener und gutbezahlter Beruf war, konnte ein solcher sich zum noch besser bezahlten Maschinensetzer steigern. Er musste dann allerdings oft auch die Schicht- oder, bei Zeitungen, gar Sonntagsarbeit akzeptieren.

Ich blieb noch anderthalb Jahre in meinem Lehrbetrieb und wechselte im Oktober 1963 als Akzidenzsetzer (Akzidenzen sind Geschäftsdrucksachen) in die Druckerei des Schwabenverlags. Wie gesagt, um neue Erfahrungen in einer anderen Umgebung zu machen. Auch wenn sich’s im Zeugnis wie eine Standardphrase liest: „Herr Fritz … besitzt ein gutes fachliches Wissen und Können und ist in der Lage, anspruchsvolle Arbeiten selbst zu erledigen.“ … Genau darauf kommt’s bei einem Setzer an.
„Herr Fritz verlässt unser Haus am 11.6.1965, um sich an der Maschinensetzer-Schule weiterzubilden.“ Ich hatte mich entschlossen, die nächste Stufe anzugehen, und wenn schon, dann gleich richtig: über einen 3 Monate dauernden Ausbildungslehrgang für Maschinensetzer an Linotype-Setzmaschinen, den die Bezirksvereinigung Stuttgart im Verband der Graphischen Betriebe anbot.

Für den Maschinensatz gab es zweierlei Alternativen: Es werden Einzelbuchstaben oder ganze Zeilen am Stück gegossen; für die erste Methode existierten Systeme von Monotype, für die zweite hauptsächlich von Linotype. Das Monotype-System bestand aus 2 Geräten: dem Tast- und dem Gießapparat für Einzelbuchstaben, zur Datenübertragung dienten Lochstreifen. Bei der „Linotype“ war beides, Tasten und Gießen, in einer Maschine vereint, das Arbeiten also ganzheitlicher. Das Ergebnis war hier, anders als bei der „mono type“, eine gegossene Zeile: a „line of type“.



Der Monotype-Taster ist für wissenschaftlichen, arbeitsteiligen Satz ausgelegt ...,

Ohne hier weiter in die Einzelheiten zu gehen, gab es aber noch einen deutlichen Unterschied: die Größe der Tastatur. Der Monotype-Taster, für wissenschaftlichen Satz ausgelegt, war riesig, dagegen wirkte die Linotype-Tastatur überschaubarer. Ich hatte in meinem Lehrbetrieb, der Druckerei Chr. Belser, beide Systeme kennengelernt und war von da her sicher: Ich möchte die ganzheitliche Methode mit kleiner Tastatur für „normalen“ Satz lernen und ausüben.



... die „Linotype“ dagegen für „normalen“ Satz.

3 Monate lang lernte ich also in der Maschinensetzer-Schule das mechanische Wunder „Linotype“ kennen und einigermaßen beherrschen: Mit jedem Tastenanschlag fällt eine Buchstabenmatrize aus dem schräg liegenden Magazin, eine Matrize nach der anderen reiht sich im „Sammler“, zwischen den Wörtern tastet man einen „Spatienkeil“. Ist die Zeile annähernd voll, schickt man den Sammlerinhalt auf eine Reise durch die Maschine: vor den Gießmund im Gießrad, wo die Keile ausgetrieben und die Matrizen mit heißem Blei ausgegossen werden (die fertige Bleizeile rutscht ins Schiff); dann, nachdem die Keile herausgelöst und in den Keilbehälter überführt wurden, hebt ein langer Arm die Matrizen nach oben zum Ableger, wo sie von einer Spindel erfasst, weitertransportiert und entsprechend ihrer Zahnung ins richtige Magazinfach fallengelassen werden.



Der Matrizen-Kreislauf und Gießvorgang wird an der Maschinenrückseite von einem mechanischen System aus Hebeln, Kurvenscheiben und Kupplungen getrieben, das scheinbar wie selbstverständlich funktioniert. Ein wesentlicher Teil der Maschinensetzerausbildung bestand aber darin, dieses System mit Kontrollen und Justierungen am Laufen zu halten: mechanisch, hydraulisch, elektrisch und bei der Temperaturregulierung.

Wer sich für Einzelheiten interessiert, kann sich mein Berichtsheft herunterladen. Aber Achtung: Das PDF-Dokument hat einen Umfang von 73 Seiten im A4-Format und ein Speichervolumen von 7 MB.

Den Ausbildungslehrgang für Maschinensetzer an Linotype-Setzmaschinen habe ich am 3.9.1965 „mit gutem Ausbildungsergebnis“ abgeschlossen. Meine bei der Prüfung erreichte Stundendurchschnittsleistung betrug 7700 Buchstaben korrigierter Satz.

Als Maschinensetzer brauchte man sich damals keine Sorgen zu machen, ob man eine Arbeitsstelle findet. Ich kam Anfang September 1965 zur Buch- und Offsetdruckerei J. Fink, Stuttgart, als „Linotypesetzer“ und arbeitete im Schichtbetrieb, übrigens Seite an Seite mit Werner Schmid, dem späteren „Druckspiegel“-Redakteur und Journalisten-Kollegen. Mein Arbeitsgebiet umfasste Werk- und Akzidenz-, Zeitschriften- und Fremdsprachensatz.

Im Mai 1966 wechselte ich von der mittelständischen Druckerei Fink zu einer reinen Maschinensetzerei, wo wir zu dritt an 2 Linotypes schichteten: Akzidenz-, Zeitschriften-, Werk- und Tabellensatz, den wir für auftraggebende Druckereien erstellten, manchmal einschließlich Manuskriptvorbereitung und immer mit Korrekturlesen und -ausführen. Danke, Herr Wilhelm, für diese positive Bewertung: „Bei der Vorbereitung der oft schwierigen Manuskripte bewies Herr Fritz seine guten Kenntnisse der deutschen Sprache … Seine gewissenhafte Satzherstellung möchte ich besonders erwähnen.“
Danach verließ ich die Maschinensetzerei Hans Wilhelm, und ich verließ „mein“ Stuttgart, um in Frankfurt zum Fotosatz überzuwechseln.


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