In den 1960er-Jahren kam der Fotosatz auf, und allmählich zeichnete sich ab, dass er den Bleisatz überflügeln und wohl auch ablösen würde – auch wenn das viele Setzer und Drucker (noch) nicht glauben konnten. Film oder Fotopapier statt Metall: Wenn das funktionierte, hatte das so viele Vorteile, dass kaum noch einer für den alten Bleiweg sprach.
Betroffen war davon allerdings nicht nur die Setzerei, sondern genauso die Reproabteilung (die aber bisher schon mit Film gearbeitet hatte und nun die Klischeeherstellung einsparen konnte) und natürlich das Druckverfahren. Zum Film passt nicht mehr optimal der Hoch-/Buchdruck, sondern der Offsetdruck. Zwischen Filmsatz/Repro und den Offsetdruck schiebt sich die Plattenkopie ab Film.

Fachleuten, denen dieser Sachverhalt klar wurde, blieb nichts anderes übrig, als darauf zu reagieren und Schritte in Richtung Film + Offsetdruck zu machen. Meine Reaktion: Ich suchte nach einem Weg, vom Blei- in den Fotosatz hinüberzuwechseln. Mein erster Versuch war ein Misserfolg: Laut Inserat suchte eine Druckerei in meiner Nähe einen „diatype“-Setzer, auch ein Anfänger sei erwünscht. Beim Kennenlerntreffen führte mich der Chef zum Gerät und ließ durchblicken, dass er erwartete, ich würde am ersten Arbeitstag gleich loslegen. (Diesen Unrealismus habe ich auch in den folgenden Jahren immer wieder erlebt, bis in die heutige Zeit, denn …) Einweisen oder gar am Gerät schulen konnte und wollte mich dieser Druckereibesitzer nicht.

Da lobe ich mir die Einstellung der Druckerei Erich Imbescheidt, mit der ich gleich klar kam. Nach einem Treffen in Frankfurt bestätigte ein Brief: „… Sie treten bei uns am Montag, dem 27.10.1969, die Stelle eines ,diatype‘-Setzers und Montierers an. Für die ersten drei Monate, die als Einarbeitungszeit zu betrachten sind, da Sie auf diesem Gebiet noch nicht tätig wären, haben wir einen Stundenlohn von DM 6,50 vereinbart. Darnach wird der Stundenlohn auf DM 7,20 festgesetzt.
In der ersten Woche Ihres Arbeitsverhältnisses, d.h. vom 27.10. bis 31.10., werden Sie in Stuttgart im Fotozentrum der Firma Berthold einen ,diatype‘-Kurs mitmachen, dessen Kosten von uns übernommen werden. Da Sie während dieser Zeit noch Ihre Wohnung in Stuttgart beibehalten, entstehen uns außer den Kursgebühren und dem in dieser Zeit anfallenden Lohn keine weiteren Kosten.
Die Kündigung Ihres Arbeitsverhältnisses kann Ihrerseits erst nach zwei Jahren erfolgen, damit unser finanzieller Aufwand für Ihre Ausbildung gerechtfertigt ist. Sollten Sie auf eigenen Wunsch früher ausscheiden wollen, so wäre die Hälfte der entstandenen Kosten zurückzuzahlen. Im übrigen gelten für das Arbeitsverhältnis die Bestimmungen des Manteltarifs für das grafische Gewerbe.“
Ich bekam sogar eine kleine Werks-Mietwohnung hinter dem Druckereigebäude – was will man mehr?

Die „diatype“-Grundausbildung bei Berthold eröffnete mir Bleisetzer eine andere Welt: neue Arbeitsmaterialien, neue Techniken und Methoden, neue Arbeitsabläufe, ganzheitlicher und vielfältiger als im Maschinensatz, eher wieder ähnlich dem Handsatz, bei dem man den Satz fertig macht und nicht nur einen Teilbeitrag leistet. Mit Kontakten nach vorn und nach hinten, sprich zu Kunden (mit denen sich der Setzer manchmal absprechen muss) und zur Plattenkopie.

Aber der Reihe nach. Jeder Kursbesucher erhielt laut einem Verzeichnis der Arbeitsutensilien, das mir heute noch vorliegt: 1 Schere, 3 Retuschiermesser (Estima 1, 2 und 3), 1 Skalpell, 1 Ölstein, 1 Handbesen, 1 Typometer, 1 Stahlwinkel, 1 Stahllineal, 1 Messlupe, 1 Radiergummi, 3 Kugelschreiber (rot, blau und grün), 2 Bleistifte hart und weich, 1 Bleistiftspitzer, 1 Farbschälchen mit 4 Pinseln und Abdeckfarbe, 1 Zahlentafel für „diatype“-Satz, 1 Antistatiktuch, 1 Inbusschlüssel 3 mm und 1 Millimeterfolie. Lobenswert: Man bekam gleich eine Grundausstattung an Arbeitsutensilien zum Mit-in-den Betrieb-Nehmen.

Das „diatype“

von der Berliner H. Berthold AG hat wesentlich zur Verbreitung des Fotosatzes in Deutschland beigetragen. Es ist, da ausschließlich mechanisch, leicht zu verstehen und leicht zu bedienen – was nicht heißen soll, dass es einfach einsetzbar ist; aber davon wird noch die Rede sein. Das „diatype“ eignet sich für alle Kleinakzidenzen bis hin zu Tabellen, kommt mit renommierten Berthold-Schriften, bringt die sprichwörtliche Berthold-Belichtungsqualität und kostete nicht viel: 17 650 D-Mark (Stand Dezember 1970).

Der Bundesverband Druck teilte es in einer Marktübersicht den Fotosetzgeräten zu, neben den vielerlei Titelsetzgeräten. Das „diatype“ nehme aber eine Außenseiterrolle ein. „Es ist dafür konzipiert, (statt Titelzeilen wie bei den Titelsetzgeräten; Anm. d. Verf.) auch Texte in kleineren Schriftgraden zu setzen. Wegen Fehlens eines Speichers kann dieses Gerät jedoch keinen automatischen Zeilenausschluß ausführen. Bei Herstellung von Blocksatz oder Satz auf Mittelachse ist daher ein zweimaliges Setzen erforderlich. Wie bei den Titelsetzgeräten wird jeder Buchstabe sofort nach Betätigung der Auslösetaste belichtet. Deswegen fällt es als Akzidenzgerät unter diese Gruppe.“ („Technischer Informationsdienst“ des BVD Ende 1979)

Das „diatype“ verwendet eine Negativ-Schriftscheibe mit 195 Zeichen, z.B. Akzidenz-Grotesk fett (= 1 „Font“). Schriftgrößen lassen sich von 4 bis 36 Punkt stufenlos einstellen, für andere Schriftschnitte (Fonts) muss man die Schriftscheibe wechseln. In der Hand hat man einen Wählgriff, den man über einer auswechselbaren Schriftzeichenskala zum Zeichen schiebt, das man belichten will, und per Knopfdruck löst man die Belichtung aus. Sie erfolgt im hinteren Geräteteil, in den man eine Filmkassette geladen hat.

Was man tut bzw. getan hat, sieht man nicht, denn es gibt keinerlei visuelle Kontrolle, weder ein Display und schon gar keinen Bildschirm (die gab’s zu jener Zeit noch nicht). In der Branche lief über diese Arbeitsweise bald ein geflügeltes Wort um: „diatype“-Satz ist Fotosatz im Blindflug!

Was man nicht sieht, muss man dafür umso genauer vorbereiten. Die Manuskriptbearbeitung, bei der man jede Schrift, jede Schriftgröße, jeden Zeilenvorschub, jede Einsetz- und Endposition festlegen musste, war das A und O, übrigens nicht nur beim Satz mit dem „diatype“. An diese penible Vorbereitung, an die Handhabung des Filmmaterials vor und nach der Belichtung, an die Filmmontage und an die Korrekturmöglichkeiten, die man für den belichteten Film hat, muss man sich erstmal gewöhnen – nicht einfach für einen Setzer, der bisher mit Bleilettern und Messinglinien, metallenem Blindmaterial, dem Winkelhaken, einer Ahle, Schnur und Satzschiffen umgegangen ist.
Ich muss im Nachhinein sagen: Ohne eine Grundausbildung wie die von Berthold ist das nicht zu schaffen!

Hier eine Übersicht über das Programm der „diatype“-Grundausbildung:
Flattersatz linksbündig
Flattersatz rechtsbündig, Mittelachsensatz
Genauigkeitsübung: Ausgleichen
Blocksatz
Satz auf bestimmte Breiten
Liniensatz
Tabellen
Formulare
Brüche, Exponenten
Verwendung der Linienscheibe
Korrekturen
Montage auf Haftfolie
Montage auf Streufolie
Montage auf Montagefolie
Montage mit 2 Dünnfilmen

Diese Arbeiten wurden an den 5 Kurstagen komplett durchgeführt, von der Manuskriptvorbereitung über das Laden der Filmkassette in der Dunkelkammer (Duka) und dann ins „diatype“, die Eingabe und Belichtung, die Kassettenentnahme mit dem belichteten Film, das Entwickeln, Fixieren, Wässern und Trocknen in der Duka, das Kopieren eines Korrekturabzugs, Korrekturlesen und Korrekturausführen bis hin zur Filmmontage. Alle Arbeitsmaterialien einschließlich bearbeitete Manuskripte und Filme durften wir nach dem Kurs mitnehmen – und eine Urkunde:
„Mit dieser Urkunde wird die erfolgreiche Teilnahme an einem Lehrgang ,diatype‘-Grundausbildung bescheinigt. Der Teilnehmer lernte alle Funktionen des Gerätes und die wichtigsten Methoden der Weiterverarbeitung kennen. Er wurde in systembedingter Satzlogik geschult. Lehrgangsziel war es, dem Setzer die Fähigkeiten zu vermitteln, Arbeiten normaler Schwierigkeit selbständig vorbereiten, setzen und weiterverarbeiten zu können. Der Teilnehmer wurde nach folgendem Programm ausgebildet: Manuskriptvorbereitung, Flattersatz links- und rechtsbündig, Mittelachsensatz, Ausgleichen, Blocksatz, Liniensatz, Tabellen, Formulare, Brüche, Exponenten, Satz mit der Linienscheibe, Korrekturen, Kontaktarbeiten, Montagemethoden, Weiterverarbeitung von Film und Papier, Gerätekenntnis und Gerätewartung. Dauer des Lehrgangs ,diatype‘-Grundausbildung 40 Stunden.“

Ich halte diese Urkunde noch heute in Ehren und meine, dass das Arbeiten mit dem „diatype“ zwar mühsam, aber ein idealer Einstieg in die Fotosatzszene war. Selbst wenn später die Korrekturbildschirme kamen und man schon bei der Eingabe mehr oder weniger genau das Ergebnis kontrollieren konnte: Die penible Arbeitsvorbereitung fürs „diatype“ zwang zum Vorausdenken und beugte der saloppen Auffassung vor, dass man das ja später noch korrigieren kann.
Vorausdenken hat noch niemand geschadet, ganz gewiss nicht beim digitalen Publishing!

Fotosatz und Äbbelwoi

Der langen Erklärungen kurzer Sinn: Nach dem „diatype“-Kurs fühlte ich mich für das Fotosatzabenteuer gewappnet, ich zog im Oktober 1969 mit kleinem Hausrat nach Frankfurt-Niederrad um und lernte dort zwei wichtige Dinge kennen: die Fotosatzpraxis und den Äbbelwoi. Die Liebe zu letzterem blieb mir bis ins Alter erhalten, nur heißt der Äbbelwoi bei meinem heutigen Händler Apfelwein.
Das Liebesverhältnis zum Fotosatz, durch die Firma Berthold und ihr „diatype“ eingeleitet, wurde durch die Praxis inniger, stimmte mich aber auch nachdenklich: Das, was man mit dem „diatype“ macht, kann im Fotosatz doch nicht alles sein!? In der Branche, so las und hörte ich, greift der Computer um sich und bietet, kombiniert man ihn mit Fotosatztechniken, wiederum völlig neue Möglichkeiten.

Wie soll, wie kann ich da hineinwachsen? Wie schon verschiedentlich ausgeführt, mache ich meine Sache lieber gründlich als halbherzig. So entschied ich mich für ein Studium an der Stuttgarter Ingenieurschule für Druck, mit dem Zusatznutzen, dass ich ins Schwabenland zurückkehren konnte.
So geschehen ab Oktober 1970.


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